Erna! Wie heißt die nicht-dunkle Seite der Macht?

Über die Mythologie von George Lucas' Star Wars und warum sich jeder damit identifizieren kann

Ursprünglich erschienen In Telepolis (https://heise.de/-3401061) am 23. Mai 2005.

Ganz interessant: Auf hoffnung.de wird dieser Essay christlich gedeutet.

Wer erinnert sich nicht an Hella von Sinnen, wie sie als Kassiererin mit einem lautstarken "Erna! Wat kosten die Kondome?" ein schüchternes Pickelgesicht rot werden lässt. Fragt man einen Star Wars-Afficionado, wie denn die Seite der Macht heißt, auf der Yoda und Co. stehen, muss man sich eher auf langwierige Deputationen der Star Wars-Mythologie gefasst machen ("Star Wars Episode III" - Der ultimative Schlüssel zur Macht).

Und da ist es auch schon, das argumentative Laserschwert des George Lucas, mit dem er unermüdlich alle entgegengeschleuderten Streitpunkte zersäbelt, die sein Universum madig machen wollen: Star Wars ist ein mythologischer Film. Und die einen winken dankend ab, die anderen verharren in Ehrfurcht.

Eine Mythologie ist eine Zusammenstellung der einzelnen Mythen eines Volkes. Diese Mythologie umreißt die allgemein anerkannte Weltanschauung eines kulturellen Raumes. Sie stiftet die Identität der Gruppe und fördert ihren Zusammenhalt. Eine Mythologie stellt deshalb keine Fragen und sie kann nicht in Zweifel gezogen werden können, ohne zugleich auch die Gruppenidentität als Ganzes zu schädigen. Den sich daraus ergebenden Konflikt haben beispielsweise der thailändische Arthouse-Filme Mekhong Full Moon Party und Garuda, die ebenfalls thailändische Godzilla-Variante, zum Thema. In beiden Filmen geht es um den Zusammenprall der thailändischen Mythenwelt mit dem westlichen Rationalismus - und die Spannungen, die daraus entstehen.

Wenn sich Mythen als Definition der Welt also nicht so einfach zwischen verschiedenen Kulturkreisen hin- und herschieben lassen, warum wurde ein mythischer Film wie "Star Wars" dann so ein immenser Erfolg weltweit?

Weil "Star Wars" letztlich eine Mythologie ohne Inhalt ist. In "The Empire of Dreams", einer Dokumentation, die der DVD-Ausgabe der originalen "Star Wars"-Trilogie als Bonus-DVD beilag, benennt George Lucas das Buch The Hero with a thousand faces des amerikanischen Mythologieforschers Joseph Campbell als eine der Hauptinspirationsquellen für "Star Wars". In diesem Buch aus dem Jahr 1949 beschreibt Campbell die einzelnen Elemente mythischer Geschichten und stellt die Struktur einer Urgeschichte dar. Ganz grob dargestellt:

Der Held erhält den Ruf zu einem Abenteuer und seine normale Welt. Zunächst nur widerwillig, aber er wird von einem weisen Alten ermutigt, den Schritt ins Abenteuer zu tun. Dort trifft er auf Prüfungen und Helfer. Schließlich kommt er ins Innerste der mythischen Höhle, wo er höchsten Qualen ausgesetzt ist. Aber er gelangt in den Besitz des Schatzes und macht sich auf den Weg zurück in seine Welt. Nun ist er durch seine Erfahrungen verändert, und er bringt in seine Heimat den Schatz, um seiner Welt zu helfen.

Bei George Lucas klingt das dann so:

I wanted "Star Wars" to have an epic quality, so I went back to the epics. Whether they are subconscious or unconscious, whatever needs they meet, they are stories that have pleased or provided comfort to people for thousands of years.

 

Doch letztlich fehlt "Star Wars" ein wichtiges Element, nämlich der moralische Kern. Der Kampf "Gut gegen Böse" ist hohl. Die Guten sind gut und die Bösen böse - und diese Einteilung des Drehbuchs genügte in den ursprünglichen drei Filmen, um Rangeleien mit Laserschwert zwischen mancherlei Seiten der Macht zu rechtfertigen. Aber schlussendlich bleibt in Lucas' philosophischen Gemischtwarenladen nichts Handfestes übrig. Gerade das ist jedoch der Grund, warum "Star Wars" so erfolgreich sein konnte, denn dadurch kann sich jeder mit der Geschichte identifizieren, egal ob Amerikaner, Europäer oder Asiate. Wenn sich niemand an der Geschichte wirklich stoßen kann, dann kann sich auch jeder mit ihren Figuren identifizieren.

Ist Saddam Hussein nun Darth Vader, der den Irak blutig knechtete - oder ist er Luke Skywalker, der den Irak gegen die westlichen Invasoren verteidigt? Sind die US-Marines die imperialen Sturmtruppen, die in Afghanistan einfallen? Und wäre Osama bin Laden eher Yoda oder Imperator Palpatine? Auch wenn diese Vergleich hinken, weil politisch komplexe Geschehnisse in ein simples Gut-Böse-Schema gepresst werden sollen, sie fallen auch nicht um, denn sowohl Hussein als auch bin Laden haben beide ein gewisses Identifikationspotential mit den bösen als auch mit den guten Star Wars-Figuren. Für welche Lesart man sich entscheidet, hängt von der jeweiligen politischen Position des Interpreten ab.

In die gleiche Kerbe schlägt auch J.R.R. Tolkien (Tolkien reloaded). Tolkiens Roman "Der Herr der Ringe" baut zwar auf der umfangreichen Mythologie um Mittelerde auf, die Tolkien geschaffen hat. Betrachtet man sich jedoch die beiden Haupthandlungsstränge des Romans, zum einen Frodos Reise nach Mordor, zum anderen die von Gandalf und Aragorn geführten Schlachten, dass auch hier Gut und Böse lediglich inhaltsleere Attribute sind. Der einzige Zweck der Geschichte besteht darin, sich gegenseitig mit verblüffend ähnlichen Mitteln zu bekämpfen. Tolkiens hauptsächliches erzählerisches Interesse gilt den Figuren, die der gesellschaftlichen Elite angehören: Königen, Zauberern und Herren. Figuren, die dieser Elite nicht angehören, werden für den Erzähler nur dann interessant, wenn sie mit einer Figur dieser Elite in Verbindung stehen, wie z.B. Frodos Begleiter Sam oder Gollum mit "dem einen Ring".

Und wer kämpft im "Krieg der Sterne"? Prinzessinnen - Leia und Padmé -, Imperatoren, Senatoren, Adlige - wieder ist es eine gesellschaftliche Elite. Dazwischen treibt sich ein Farmersjunge herum, der sich allerdings spätestens nach Episode I bis III fast schon als Halbgott entpuppt, dessen Vater dem Zuchtprogramm der Bene Gesserit aus Frank Herberts Science-Fiction-Zyklus "Dune" entsprungen sein könnte. Herberts erster "Dune"-Roman gilt als der erste literarische Science-Fiction-Roman. Nicht Naturwissenschaft und Technik spielen die Hauptrolle, sondern es geht um die Entwicklung der Menschheit selbst, wie sie sich unter veränderten Rahmenbedingungen entwickeln könnte und wie sie sich an ein extrem lebensfeindliches Habitat anpassen könnte. Herbert verfasste ein äußerst komplexes Geflecht aus Science Fiction, Philosophie, Ökologie und Psychologie - vor dem Hintergrund eines bis ins Detail ausgeklügelten eigenen Universums.

George Lucas scheint sein "Star Wars"-Universum auf dasselbe Niveau wie "Dune" oder "Lord of the Rings" heben zu wollen. Dazu liefert er mit Episode I bis III quasi die Fußnoten zu Episode IV, V und VI " ähnlich Tolkiens Silmarilion. Dabei kommt Lucas der enzyklopädische Charakter dieses Vorhabens in die Quere, denn Enzyklopädien haben oft einen etwas staubigen Charakter - und so mein auch Christian Stöcker provozierend in Spiegel Online:

Der Inhalt des neuen Films ist für das verzweigte, ständig wachsende Paralleluniversum, das aus einem schlichten Science-Fiction-Film aus den Siebzigern hervorgewuchert ist, fast ohne Belang. Das Imperium hat seine Kinder längst in die Freiheit entlassen.

 Zurück ans Lagerfeuer!

Mythische Geschichten laden ihrer Natur nach zum Fabulieren und Ausschmücken ein. In grauer Vorzeit setzte man sich dazu ans Lagerfeuer, warf ein paar Kartoffeln in die glühenden Kohlen, und um sich die Zeit bis zum Essen schneller zu vertreiben, wurden Geschichten dargeboten. Das Feuer lodert heute digital, die Geschichten sind kurz oder lang, still oder interaktiv.

Ein durchschnittlicher PC, der heute über den Ladentisch geht, hat genügend Rechenleistung, um Filme produzieren zu können, und in einer Zeit, in der ein Newcomer wie Kerry Conran den Look von Sky Captain and The World of Tomorrow mit Hilfe von handelsüblichen Plug-Ins für Adobe After-Effects zustandebringt, da wirken George Lucas bombastische Star Wars-Chroniken so anachronistisch, dass sie fast schon wieder putzig sind.

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