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Grüß-Gott-Verbot in Baden-Württemberg? So ein Quark!

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paar Jahre wieder

 

schwirrt dieser angebliche Brief einer

 

‚jungen Lehrerin‘ durch Facebook:

 

Liebe verantwortliche Landes- und Bezirksschulräte und Politiker, liebe Ausländer! Wenn wir nicht mehr ‚Grüß Gott‘ sagen dürfen, gibt es nur eine Alternative:

Ihr habt das RECHT, Deutschland zu verlassen, wenn es euch nicht passt!

Was für eine aparte Mischung an Bevölkerungsgruppen, die durch die Blume zum Gehen aufgefordert werden: Vertreter der Schulverwaltung, Politiker und Ausländer sind konfrontiert mit einer kruden Umdrehung des positiven Rechtsbegriffs, nämlich das Recht, essay writers etwas nicht zu haben. Krude ist dies insofern, da das Konstrukt sich auf die sogenannte negative Freiheit bezieht, beispielsweise als Freiheit vor Verfolgung, was letztendlich immer die Freiheit von einem als hinderlich und beschwerlich erlebtem Zustand ist. Zum einen ist, einen Ort verlassen zu müssen, nur schwerlich ein positives  Endergebnis, zumanderen kann das Prinzip der negativen Freiheit nicht übertragen auf das Rechtsprinzip. »Du hast das Recht, nicht hier zu sein.« – klingt ganz schön schräg, oder?

Und der Grund für dieses Unrecht? Man darf angeblich das süddeutsche »Grüß Gott« nicht mehr gebrauchen. Warum das? Weiter heißt es:

Schön langsam sollten auch wir in Deutschland wach werden! Zu Schulbeginn wurden in Stuttgarter Schulen, die Kinder von ihren Klassenvorständen informiert, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hätte. Grüßen, Bitte und Danke sagen, einfach höflich und freundlich sein. Soweit in Ordnung, aber des Weiteren wurde ihnen auch mitgeteilt, dass das uns in Baden Württemberg vertraute ‚Grüß Gott‘ nicht mehr verwendet werden darf, da das die moslemischen Mitschüler beleidigen könnte.

»Grüß Gott« könnte Muslime beleidigen und ist deshalb politisch nicht korrekt, sollte also vermieden werden.

Schade nur, dass dies nicht stimmt, wie beispielsweise die Stuttgarter Nachrichten einen Vertreter der baden-württembergischen Schulbehörde zitieren:

das Staatsministerium reagierte sofort: „Eine Anweisung gegen das „Grüß Gott“ ist in Baden-Württemberg undenkbar. Und es haben sich im übrigen auch nie Muslime darüber beschwert, dass im Namen Gottes gegrüßt wird“, hieß es damals [2011] aus dem Staatsministerium. (Stuttgarter Nachrichten: Angebliches »Grüß-Gott-Verbot« erzürnt Bürger.)

Moment mal – wer hat in dem Facebook-Kettenbrief das Verbot wem gegenüber ausgesprochen? Der »Klassenvorstände« (sind das die österreichischen Lehrer in Baden-Württemberg?) sprechen den Schülern gegenüber das angebliche Verbot aus. Wer hat diesen Brief verfasst? Eine »junge Lehrerin« - vielleicht die junge Lehrerin, die gerne Klassenlehrerin geworden wäre, dann aber hinter dem österreichischen Klassenvorstand zurückstehen musste? (Mit Frauenquote wäre das nie passiert!)

Und was ist der Grund für das Verbot: Eventuell beleidigte muslimische Mitschüler. Frage: Haben die sich schon beschwert über da »Grüß Gott«? Der Konjunktiv 2 sagt ja eindeutig, dass sich noch keiner beschwert habe. Also eine Vorsichtsmaßnahme überängstlicher Ministerialer? Klar, deshalb haben sie ja auch das »Recht, Deutschland zu verlassen«. Und die Ausländer, denen das »Grüß Gott« wahrscheinlich gänzlich egal ist, sollten dieses Recht (das ja gar keins ist) ebenso in Anspruch nehmen.

Oder ist dieser Konjunktiv 2 ein verunglückter Versuch einer indirekten Rede? Korrekt wäre in dem Fall der Konjunktiv 1, am Rande gesagt.

Dazu kann man als Otto Normalbürger eigentlich nichts mehr anfügen und nur mehr den Kopf schütteln.

Angesichts von so viel artikulatorischen Schwachsinns bis hierhin, kann hier auch nur der Kopf geschüttelt werden.

Ich kann‘s gar nicht glauben. Ist aber wahr. Ihr könnt Euch gerne in Stuttgart in den Volksschulen erkundigen.

Interessieren würde mich schon, warum eine »junge Lehrerin« ausgerechnet den Begriff »Volksschule« verwendet, obwohl diese Schulform schon seit den 1960er Jahren in der Hauptschule aufgegangen ist. Zumal die richtige Adresse für eine Anfrage auch das Kultusministerium von Baden-Württemberg wäre. Da es dieses angebliche Verbot nicht gibt, ...

EINWANDERER UND NICHT DIE Deutschen SOLLEN SICH ANPASSEN!

Richtig! Die sollen lernen, so urdeutsche Gerichte wie Döner Kebap, Chop Suey und Pizza essen! Von den vielen Brotsorten wie Baguette und Ciabatta nicht zu schweigen, die es in Deutschland gibt! Und richtig Deutsch müssen diese Einwanderer, zum Beispiel Trottoir, Portemonnaie, Datsche etc.

Ich bin es leid, zu erleben, wie diese Nation sich Gedanken macht darüber, ob wir irgendein Individuum oder seine Kultur beleidigen könnten. Die Mehrheit der Deutschen steht patriotisch zu unserem Land. Aber immer und überall hört man Stimmen ‚politisch korrekter‘ Kreise, die befürchten, unser Patriotismus könnte andere beleidigen.

Sicher ist es nicht Patriotismus, der andere beleidigt, sondern vielmehr dumpfe Vorurteile gegenüber jemandem. Insofern ist es auch nicht zwangsläufig so, dass man nur dann Patriot ist, wenn man gleichzeitig andere Kulturen abwertet, wie es die ‚politisch korrekten‘ Kreise angeblich behaupten. Schön, hier noch ein weiteres Schlagwort vermengelagt zu haben.

Versteht das bitte nicht falsch, ich bin keineswegs gegen Einwanderung; die meisten kamen nach Deutschland, weil sie sich hier ein besseres Leben erhofften.

Ach so, dann habe ich den Text bisher falsch verstanden?

Es gibt aber ein paar Dinge, die sich Neuankömmlinge, und offenbar auch hier Geborene, unbedingt hinter die Ohren schreiben sollten.

Die Idee von Deutschland als multikultureller Gemeinschaft hat bisher nur eine ziemliche Verwässerung unserer Souveränität und unserer nationalen Identität geführt. Als Deutsche haben wir unsere eigene Kultur, unsere eigene Gesellschaftsordnung, unsere eigene Sprache und unseren eigenen Lebensstil.

Liebe ‚junge Lehrerin‘, befrage doch mal einen Schwaben, einen Hamburger, einen Sachsen, einen Berliner, einen aus dem Ruhrgebiet und einen aus Bayern nach ihrer nationalen Identität, und du bekommst sechs verschiedene Antworten. Diese ganze Sache mit der deutschen Identität funktioniert nur, wenn man sie schlicht behauptet aber nicht definiert. So ist »deutsche Identität« meist nichts mehr als eine Worthülse.

Diese Kultur hat sich während Jahrhunderten entwickelt aus Kämpfen, Versuchen und Siegen von Millionen Männern und Frauen, die Freiheit suchten.
War die Suche nach Freiheit im 19. Jahrhundert nicht einer der Hauptgründe für Deutsche, in die USA auszuwandern?
Wir sprechen hier Deutsch, nicht Türkisch, Englisch, Spanisch, Libanesisch, Arabisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch, oder irgend eine andere Sprache. Wenn Sie also Teil unserer Gesellschaft werden wollen, dann lernen Sie gefälligst die Sprache!

Es ist dir, liebe ‚junge Lehrerin‘ schon bewusst, dass beispielsweise der deutsche Film »Wer früher stirbt ist länger tot« auf DVD mit deutschen Untertiteln beworben wird. Norddeutsche stehen tatsächlich vor dem Problem, dass sie diesen Film in einer deutschen Mundart nicht verstehen.

‚Im Namen Gottes‘ ist unser nationales Motto. Das ist nicht irgendein politischer Slogan der rechten Parteien. Wir haben dieses Motto angenommen, weil christliche Männer und Frauen diesen Staat nach christlichen Prinzipien gegründet und entwickelt haben.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Bundesrepublik kein offizielles nationales Motto hat, ‚Im Namen Gottes‘ am nächsten kommt noch das Motto des Deutschen Kaiserreichs: »Gott mit uns«. Dies zeigt nicht nur, wes Geistes Kind dieser Brief ist, er zeigt vor allem auch, dass die ‚junge Lehrerin‘ noch nicht einmal ihren eigenen ideologischen Hintergrund richtig recherchieren kann.

Es ist also auch nicht abwegig, dies an den Wänden unserer Schulen mit einem Kreuz zu manifestieren. Wenn Sie sich durch Gott beleidigt fühlen, dann schlage ich vor, Sie wählen einen anderen Ort auf der Welt als Ihren neuen Wohnsitz, denn Gott ist nun mal Teil unserer Kultur.

Wahrscheinlich ist ihr auch nicht bewusst, dass es deutsche Philosophen waren, die im 19. Jahrhundert schon mit dem christlichen Glauben abgerechnet haben - Ludwig Feuerbach in »Das Wesen des Christentums« und Friedrich Nietzsche in »Also sprach Zarathustra« und »Die fröhliche Wissenschaft«.

Wenn Sie das Kreuz in der Schule empört, oder wenn Ihnen der christliche Glaube nicht gefällt, dann sollten Sie ernsthaft erwägen, in einen anderen Teil dieses Planeten zu ziehen, er ist groß genug. Wir sind hier glücklich und zufrieden mit unserer Kultur und haben nicht den geringsten Wunsch, uns groß zu verändern und es ist uns auch völlig egal, wie die Dinge dort liefen, wo Sie herkamen.

Ein schöner Sprung auch zum nächsten Thema, vom fälschlich behaupteten »Grüß-Gott-Verbot« zum »Kruzifix-Urteil« des Bundesverfassungsgerichts, das tatsächlich besteht. So kann man auch argumentativ noch großen Unsinn rechtfertigen, wenn man ihn auf diese Weise vermischt mit Tatsächlichem.
Vielleicht dazu ein paar Hinweise: Das Kruzifix in deutschen Schulen aufzuhängen, hat das höchste deutsche Gericht untersagt. Bedeutet das, dass die Richter in Karlsruhe von Islamisten unterwandert sind? Sachen gibt‘s!

Der nächste Hinweis zum Kruzifix an Schulen - angestrengt hatten das Verfahren deutsche Eltern mit anthroposophischem Hintergrund ... ach ... ok, dann sind das also keine richtigen Deutschen sondern nur Personen mit einem deutschen Reisepass.

Dies ist UNSER STAAT, UNSER LAND, und UNSERE LEBENSART, und wir gönnen Ihnen gerne jede Möglichkeit, dies alles und unseren Wohlstand mit uns zu genießen.

Aber wenn Sie nichts anderes tun als reklamieren, stöhnen und schimpfen über unsere Fahne, unser Gelöbnis, unser nationales Motto oder unseren Lebensstil, dann möchte ich Sie ganz dringend ermutigen, von einer anderen, großartigen deutschen Freiheit Gebrauch zu machen, nämlich vom ‚RECHT UNS ZU VERLASSEN, WENN ES IHNEN NICHT PASST!‘

Zumindest das letzte Mal, als ich nachgeschaut habe, galt in Deutschland noch das Grundgesetz, in dem nichts steht von Fahnen (oder meint die ‚junge Lehrerin‘ etwa die Flagge - dann nur mal als Hinweis, dass sie selbst sprachlich den Unterschied zwischen einer Fahne (z.B. von McDonald‘s) und einer Flagge (z.B. eines Landes) verstehen sollte), Gelöbnissen (die gibt es nur bei der Bundeswehr und wenn man in den öffentlichen Dienst eintritt, beispielsweise in den Lehrerberuf. Vielleicht hat die ‚junge Lehrerin‘ gedacht, dass dieses Gelöbnis alle irgendwann ableisten, nicht nur Soldaten und Beamte - kann ja sein!) oder Motti - ebenso wenig von einer Freiheit, die ein Recht ist etwas nicht zu machen. (Angesichts solcher vieler Schnitzer wünscht man sich, dass diese ‚junge Lehrerin‘ weder Deutsch noch Gemeinschaftskunde unterrichtet.)

Stattdessen steht in diesem komischen Grundgesetz etwas von so verqueren Sachen wie Religionsfreiheit (Art. 4), Meinungsfreiheit (Art. 5) und der Freiheit vor Benachteiligung oder Bevorzugung (Art. 3.3) und so Absonderliches wie Asylrecht (Art. 16a). Auch wenn davon vieles im Argen liegt, so ist das doch die Grundlage des Deutschlands, das ich kenne. Auch wenn ich seit einigen Jahren im Ausland lebe, so hoffe ich doch, dass sich daran nichts geändert hat.

Insgesamt ein echter Quark, dieser Brief, ein Sammelsurium haltloser Behauptungen mit extrem konservativem und ausländerfeindlichem Hintergrund. Was ist es, das die Leute dazu anregt, sowas zu teilen auf Facebook und auf Blogs? Ist es die Angst vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands? Die unterdrückte Wut auf die political correctness, die im Sinne von Sprachgängelungen (und damit auch einer Form von Sprachzensur) erlebt wird? Das Perfide dieses offenen Briefes ist, dass er für viele Art von nicht ausgedrückter Unzufriedenheit Anknüpfungspunkte bietet und diese mit ebenso unausgesprochenen Ressentiments verbindet, diese gleichwohl aber deutlich genug anklingen lässt, um sie dadurch dem Leser unterzujubeln.

Die Waffe dagegen ist Aufklärung und Selbstaufklärung. Kritisch zu bleiben und zu hinterfragen - und kritisch sein nicht damit verwechseln, lediglich politisch Unkorrektes zu äußern.

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