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Bangkok brannte

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Black Tarmac (Rama IV)

Der Geruch von verbranntem Gummi hängt noch in der Luft. Ein unangenehmer Geruch. Ich wusste das vorher schon, aber erst heute auf der Rama-IV-Straße merke ich, was für ein unangenehmer Gestank das sein kann. Er überdeckt noch das, was ich sehe - und das ist schrecklich genug.

Ich kenne diese Straße gut, weil ich hier öfters in der Mittagspause zum Essen gehe. Aber noch weit vor der Rama-IV-Straße sehe ich den schwarzen Belag auf dem Straßenbelag, Teer, der von den brennenden Autoreifen aufgeweicht und angekokelt worden ist.

In den vergangenen Tagen war dieser Teil der Rama-IV-Straße und die Soi Ngamduphli eine Kriegszone. Wie kann ich die Bilder von den Straßenkämpfen zwischen der thailändischen Armee und den demonstrierenden Rothemden, http://essayabout.org den Suea Daeng, anders interpretieren? Nach zwei Monate Massendemonstrationen und Belagerung der Rajaprasong-Kreuzung mitten im Einkaufszentrum von Bangkok, ist letzte Woche der Konflikt eskaliert. Verhandlungen zwischen Regierung und Demonstranten waren geplatzt, ein Scharfschütze erlegte Seh Daeng, einen der militärischen Köpfe der Rothemden - in den 1970er Jahren ein strammer Kommunistenjäger, der sich mit dem gestürzten Ex-Premierminister Thaksin Shinawatra verbündet hatte und zu den Rothemden übergelaufen war.

Am folgenden Tag bin ich mit einem ungewissen Gefühl zum Goethe-Institut gegangen. Es lag etwas in der Luft, etwas anderes als noch am Tag zuvor, aber es war nicht konkret greifbar. Ich bin - aus Neugier? aus Trotz? - an diesem Tag ganz bewusst in der Mittagspause hierher in die Rama-IV-Straße zum Essen gegangen zu diesem einfachen Restaurant, wo ich immer Hühnchen mit Reis bestelle. Es schien alles normal, beinahe normal. Erst später fiel mir auf, dass damals keine Autos über die Straße fuhren. Ich sah nur, dass die Leute alle in Richtung der Silom-Straße schauten, wo sich die Rothemden verschanzt hatten.

Taking snapshots of the Red Shirts

 

Nach dem Essen ging ich sogar noch auf die Fußgängerbrücke, wo sich schon viele Schaulustige versammelt hatten und auch in die Richtung der Silom-Straße schauten. Ich erkannte dort zunächst nichts Auffälliges - abgesehen davon, dass die Straße anscheinend wohl gesperrt war. Es war eine seltsame Atmosphäre, keine bedrohliche - aber doch tense, wie es im Englischen so treffend beschrieben wird. Erst nach Minuten fuhren einige Soldaten mit Motorrädern die Thai-Belgische Brücke hoch. Dann sah ich diesen olivgrünen Fleck von der Silom-Straße in meine Richtung laufen. Soldaten. Die erste Tränengasgranate fiel ins Leere der Straße und verpuffte das weiße Gas. Unter mir standen einige Motorradtaxifahrer schon auf der leeren Straße und schrien los in Richtung der Armee.

Der Eindruck der Normalität war ab diesem Moment dahin. Die Essstände an der Straße wurden zur Seite gerollt. Die beiden Verkäuferinnen am Kaffeestand bauten ihre Waren ab. Der Obstverkäufer mit den unverschämten Preisen rollte seinen Wagen in die Soi Ngamduphli.

Es war keine nackte Panik, es war mehr eine beherrschte Panik. Auch ich war in diesem Moment - es war ja noch kein Schuss gefallen - ruhig und gefasst.

Diese selbe Stimmung herrschte auch auf dem Weg nach Hause. Alle wollten weg aus der Gegend. Autos verstopften die kleinen Gassen nach hinten hinaus in Richtung der Yen-Akat-Straße und auch in Richtung der Suan-Phlu-Straße. Ein vereinzelter Motorradtaxifahrer stand an der Kreuzung der Sathorn Soi 1 und der Soi Ngamduphli, schwang einen Knüppel und bewachte einen Stapel Reifen, der mitten auf der Fahrbahn lag. Weitere Motorräder drängten sich zwischen die Autos, die Stoßstange an Stoßstange dastanden und langsamer als im Schritttempo vorwärts kamen. Auf der Höhe der Civil Aviation blieben selbst die Motorräder stecken - was ich vorher noch nie erlebt hatte.

Die Hitze war drückend. Ich fühlte mich mit einem Mal wie neben mir, wie ich mich selbst zu beobachten schien, auf dem Rücksitz des Motorradtaxis sitzen, das weder vor noch zurück konnte. Hätte ich jetzt nicht in Panik verfallen sollen? Warum war ich so kühl geblieben? Ich denke im Nachhinein, dass es an der Hilfsbereitschaft lag, die unterschwellig in der Luft hing, geboren aus der Erkenntnis, dass alle nur durch Kooperation hier herauskämen.

Zwei Frauen an der Straßenseite winkten dann die Motorräder zu einer kleinen Straße, die mitten durch die Slums führte - keine Wellblechhütten, die waren ein paar Jahre zuvor in einem großen Feuer abgebrannt, sondern einfache aber durchaus gepflegte Appartmenthäuser mit vielen kleinen Tante-Emma-Läden im Erdgeschoss, sozialer Wohnungsbau at its best.

Bangkok Burning

 

Die nächsten Tage hatte ich den Konflikt vor allem virtuell erlebt, vor allem über Twitter konnte ich verfolgen, wo BBC-Korrespondent Aleister Leithead (@aleithead) war, wie CNN-Korrespondent Dan Rivers (@danieljrivers) Bilder einfing, wo Richard Barrow (@RichardBarrow) Scharfschützen ausmachte. Nachdem sich die Anführer der Rothemden am Donnerstag ergeben hatten, las ich über Twitter, wie @freakingcat sein Haus in Khlong Toey zurücklassen musste, weil es in Gefahr war abzubrennen. Schließlich hatte ich alle seriös erscheinenden Twitter-Nachrichtenquellen in der Liste bangkok-redshirt-protest zusammengefasst.

Ich telefonierte mit Kollegen, die noch in der Soi Ngamduphli wohnten und hörte im Hintergrund die Schüsse. Ich bekam per E-Mail Fotos zugeschickt, wie Rothemden und Armee vor dem Goethe-Institut Barrikaden aufgebaut hatten. Und an manchen Tagen sah ich von meinem Balkon aus die Rauchwolken aus dem Kampfgebiet aufsteigen. Es war greifbar - und doch wieder nicht. Ich ging auf die Straße beim mir - und das Leben dort ging völlig unberührt weiter, eine fast schon trotzige Normalität der Leute. Gleichzeitig erzählten mir andere Kollegen, wie sie ihre Wohnung verlassen mussten, weil vor dem Haus gekämpft wurde. Mein Leben ging fast normal weiter, die Demonstrationen waren im Fernsehen - und war doch nur eine Viertelstunde entfernt. Es wurde surreal.

Kasikorn Thai Bank 7 Eleven Snapped wires

 

Doch das ist nun vorbei. Die Kampfhandlungen sind eingestellt. Ich stehe vor dieser Straße, die ich so gut kenne, und die nun ganz anders aussieht. Das Gebäude der Kasikorn-Bank an der Ecke und das der CIMB Bank sind komplett ausgebrannt. Nur noch schwarze Hausskelette stehen da. Der Besitzer von dem Laden, wo ich am Freitag noch gegessen hatte, steht da und spricht in die Kamera eines Fernsehreporters: "I don't like the politics. They don't help us, both sides. They just play politics."

 

Er erzählt mir dann, wie viel Glück er trotz allem hatte. Er zeigt auf die Bank und den Nudelladen auf der anderen Seite - beide sind völlig ausgebrannt. Sein Laden sei zwar rußverschmiert aber nicht komplett zerstört. Nur die oberen Stockwerke seien verbrannt. Aber der Ruß von den brennenden Reifen, der habe sein ganzes Geschirr unbrauchbar gemacht, es sei nicht mehr zu reinigen.

Ich steige die Eisenstufen der Fußgängerbrücke empor. Sie sind von einer schwarzen Ascheschicht bedeckt. Ich blicke wieder auf die gleiche Seite, wo ich eine Woche vorher die Soldaten habe anmarschieren sehen. Es sind immer noch keine Autos zu sehen auf dieser Seite. Die Straße unter mir ist schwarz - nicht mehr das Grau von altem Teer. Zwei Soldaten stehen noch auf der Gegenfahrbahn.

It's surreal

 

Aber ich sehe auch Straßenreiniger bei ihrer Arbeit. Ich sehe Feuerwehrleute das ehemalige Gebäude der Kasikorn-Bank absichern. Und ich sehe einen Verkäufer, der seinen Wagen durch das Chaos schiebt. Ein Zeichen von Normalität. Und das beruhigt mich.

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