Klaus Kinsiki -- Ich will so bleiben, wie ich bin!

Der Bildband »Klaus Kinski: 'Ich bin so wie ich bin'« stellt den Schauspieler Kinski in den Vordergrund

Mit Weltstars ist Deutschland wahrlich nicht gesegnet. Till Schweiger schickt sich gerade an, den Hollywoodmarkt zu erobern, Hildegard Knef und Hardy Krüger haben ihren Zenit schon hinter sich. Nur Marlene Dietrich hat sich ins kollektive Filmgedächtnis eingebrannt. Das war es dann – möchte man meinen. Doch dann fällt einem die sprichwörtliche verrückte Tante ein, über die auf Familienfesten eisern geschwiegen wird. Allerdings ist die Tante in diesem Fall ein Onkel. Er heißt Nikolaus Günther Karl Nakszynski und hat unter dem Namen Klaus Kinski als Rezitator, Theater- und Filmschauspieler, aber mehr noch durch seine Tobsuchtsanfälle und seine exzentrische Persönlichkeit für Furore gesorgt. In dem Bildband Klaus Kinski. 'Ich bin so wie ich bin', herausgegeben von Peter Reichelt und Ina Brockmann, machen sich zehn Autoren auf die Suche nach einem der, so der Klappentext, »größten Schauspieler Deutschlands«.

Aber das wirft gleich die Frage auf, ob Kinski wirklich einer der »größten Schauspieler Deutschlands« war. Die 361 Abbildungen des Buches stellen zunächst klar, dass Kinski mit Sicherheit der größte Selbstdarsteller in Deutschland war. Die Herausgeber haben Standbilder aus Filmen, Bühnenaufnahmen, Fotos von hinter der Bühne bzw. Kamera und Pressebilder ausgewählt. Gerade von letzterer Gruppe gibt es eine Reihe von Bildern, die Kinski in seiner Privatwohnung zeigen. Auf diesen sieht man ihn dandyhaft vor kreativ wirkendem Chaos posieren. Kinski ist sich bei diesen Aufnahmen immer der Kamera bewusst; er spielt mit ihr und setzt sich in Szene als das Genie, das jenseits bürgerlicher Wert- und Moralvorstellungen an der Grenze zum Wahnsinn balanciert.

Zumindest für seine Filme ist damit auch Kinskis Art zu spielen treffend dargestellt. Kinskis Interpretationen seiner Rollen waren nicht immer originell oder subtil und sein Stil hätte die Grenze zur Selbstparodie permanent überschreiten müssen. Aber Kinski war sich schauspieltechnisch eines bewusst: Der Schauspieler darf nicht nur mit seinen Mitspielern alleine kommunizieren, sondern er muss dies in erster Linie mit dem Zuschauer tun. Insofern, und das zeigen fast alle Film- und Theaterbilder und auch die »privaten« Aufnahmen, arbeitet Kinski mit einer ungeheuren schauspielerischen Präsenz. Er zwingt den Zuschauer, ihn (und nur ihn) wahrzunehmen. Der Zuschauer soll alles auf der Bühne und in der Filmszene um Kinski herum vergessen. Claudia Balk, die sich in dem Beitrag dieses Bandes mit Kinski als Bühnenschauspieler beschäftigt, zitiert aus einem Die Welt-Artikel von 1962 aus der Besprechung zu einem Kinski-Rezitationsabends:

Sein Auftritt wäre nicht halb so effektvoll, wenn er nicht ständig selbst Zwischenfälle provozierte. Scheinbar in künstlerischer Exaltion über den Wolken schwebend, vernimmt er doch das leichte Kichern im Parkett. Gleich bricht er ab und stampft in die Kulisse. Der Lacher wird von den Nachbarn verwarnt. Es steht eins zu null für Kinski. Als Sieger kehrt er heim. Und so treibt er es bis zum Schluß.

Dieser egomanische Zug macht nicht nur das Besondere an Kinskis Schauspielkunst aus, er steht ihm letztlich einer dauerhaften Bühnenkarriere und als Schauspieler im Wege. Kinski weiß zwar, wie er wirkungsvolle Effekte erzielen kann, aber er ist nicht fähig, sein Können einem größeren Ganzen, sei es eine Theaterinszenierung, ein Film oder nur die Zusammenarbeit mit einem Regisseur, als gleichberechtigtes Teil unter anderen unterzuordnen. »Seine Auftritte in dieser Produktion [Heilige Johanna von G. B. Shaw 1961 am Deutschen Theater in München – Kinskis letztes Theaterengagement] werden mit wechselnden Willkürlichkeiten garniert und geraten letztendlich nur noch zur Selbstinszenierung des berühmt berüchtigten 'Enfant terrible'«, beschreibt Claudia Balk das Ende von seiner vor allem durch Skandälchen und Rausschmisse gekennzeichneten Theaterlaufbahn.

Bevor sich Kinski 1962 von der Bühne endgültig ab- und dem Film zugewendet hat, war er noch mit Soloprogrammen durch Deutschland und Österreich unterwegs. Seit 1957 hatte er als Rezitator der Lyrik von Goethe, Brecht und vor allem Villon, der französischen Lästerzunge aus dem 14. Jahrhundert, auf der Bühne und auf Schallplatte für Furore gesorgt. Besonders das gestöhnte Villon-Gedicht Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund geistert heute noch durch manche Plattensammlung. Peter Reichelt zeichnet in seinem Beitrag Kinskis Werdegang als Deklamator nach. Er gipfelt in der Tournee von 1962, in der Kinski sich »seinen größten künstlerischen Traum [erfüllt], den er seit dem Beginn seiner Karriere 1945 hegt. Nun endlich kann er die berühmtesten Monologe der Theatergeschichte als Solist in eigener Regie – ohne störende Einflüsse – deklamieren«, so Reichelt. Die Tour endete im Chaos, weil die Zuschauer gekommen waren, um Kinski toben zu sehen und nicht der Kunst wegen. Kinski war diesem Wunsch zwar nachgekommen – so soll er unter anderem mit einem brennenden Leuchter nach lachenden Zuschauern geworfen haben –, aber er hatte den Bogen überspannt. Die Tour wurde abgebrochen und abgesehen von der Jesus Christus Erlöser-Tour 1971, bei der Kinski das Neue Testament rezitieren wollte, hat er danach keine Bühne mehr betreten.

Der Beitrag, der Kinskis Schauspielkunst analysiert und nicht die einzelnen Karriereschritte und Engagements beschreibt, befasst sich mit dem Filmschauspieler Klaus Kinski und stammt von Georg Seeßlen, einem der üblichen Verdächtigen im Bereich Populärer Film. Neben den fünf Filmen, die Kinski zusammen mit Werner Herzog gedreht hat, ist er vor allem als Bösewicht in etlichen Edgar Wallace-Krimis, Spaghetti-Western, Horrorfilmen und anderen billigen Reißern, die so aussagekräftigeTitel wie Dracula im Schloss des Schreckens oder schlicht Der Triebmörder tragen, bekannt geworden. »Ein guter Klaus-Kinski-Film ist fast so etwas wie ein Widerspruch in sich. Denn wenn Kinski gut war im Film, dann meistens, weil Drehbuch, Kollegen und Regie zu schwach waren, um ihn an der Entfaltung zu hindern. Wenn aber der Film gut war – und Kinski hätte gleichsam 'dienen' müssen, um ein Konzept zu erfüllen –, dann konnte das schauspielerische Tier in ihm nicht von der Leine. So bleibt er vor allem im Gedächtnis als ein phantastischer Schauspieler in mäßigen und häufig sogar nach landläufigen Vorstellungen richtig miesen Filmen«, stellt Seeßlen fest. So sind Kinskis Auftritte, in Filmen, in denen er nicht die Hauptrolle spielte, kleine Filme im Film. Zum Beispiel in den Edgar Wallace-Filmen, in denen Kinski die »theaterhafte Installation« (Seeßlen) aufbrach: »Wenn Kinski vor die Kamera kommt, dann begreift man, daß eine Maske eine Maske, eine Einstellung eine Einstellung, ein Schnitt ein Schnitt ist. Kinski gehörte zu den wenigen deutschen Schauspielern, die durch und durch 'filmisch' zu denken in der Lage waren (und dies gewiß desöfteren als seine Regisseure).«

Neue Skandale um Kinski wollten Peter Reichelt und Ina Brockmann nicht enthüllen, sondern den Schauspieler Kinski unter dem tobsüchtigen Egomanen hervorkramen. Gelungen ist dies nicht immer. Gerade die kleinen Textbeiträge von Kinskis beruflichen Weggenossen bleiben zu häufig an Anekdoten haften, aus denen die sattsam bekannten Kinski-Klischees hervorlugen. Auch in den langen Beiträgen wäre hier und da etwas mehr kritische Distanz zu wünschen gewesen. Besonders Zitate aus Kinskis Autobiographie Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund sollten aufgrund der Selbstdarstellungskünste von Kinski nicht für bare Münze genommen werden.

Peter Reichelt hingegen zitiert lange Passagen aus einer Interviewstory der Wiener Journalistin Hermi Löbl von 1962, in der Kinski relativ deutlich und in der beschriebenen Körpersprache auch selbstironisch als Selbstdarsteller erscheint. Am Ende zitiert sie Kinski: »Man hält mich doch für verrückt. Ich bin der einzige, der weiß, daß ich es nicht bin.« Wo die Grenze zwischen Persönlichkeit und Inszenierung verläuft, darf sich der Leser selbst erschließen. Die Fotos in diesem Bildband sind dazu ein hervorragendes Ausgangsmaterial.

 

Peter Reichelt/Ina Brockmann (Hg.): Klaus Kinski. "Ich bin so wie ich bin".
Bildband.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001.
288 Seiten, 49 DM.
ISBN 3-423-30840-0

 

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