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Jef Raskins Alternative zu heutigen Benutzeroberflächen: „Das intelligente Interface“

Intuitiv bedienbar! Effizient! Spaß bereitend! Das sind typische Eigenschaften, mit denen die Computerindustrie ihre Produkte bewirbt. Aber wer Computer benutzt, der hat schon feststellen müssen, dass viele Computer und Programme den Versprechungen der Werbung nicht gerecht werden. Jef Raskin, freiberuflicher IT-Berater und der konzeptionelle Vater des Macintosh-Projekts, stellt in „Das intelligente Interface“, seinem als Sachbuch getarnten Rundumschlag gegen schlechtes Schnittstellendesign, ein umfassendes Gestaltungskonzept vor, das die Benutzung von Computern einfacher machen soll.

Raskin beschränkt Interface nicht auf den Computerbereich, sondern untersucht alle Bereiche, in denen es zur Kommunikation Mensch – Maschine kommt. Die Beispiele für schlechte Gestaltung, die er in seinem Buch präsentiert, sind teilweise haarsträubend, und doch wirken sie zugleich in erschreckendem Maße vertraut. Das wahrscheinlich bizarrste Beispiel ist ein Fahrkartenautomat der Bay Area Rapid Transit. Dessen Bedienerführung ist derart verquastet, dass Raskin fast zwei Druckseiten braucht, um zu beschreiben, wie man an eine Fahrkarte kommt. Nicht nur am Computer ist der Ärger über undurchdachte Benutzerschnittstellen groß.

Deren größte Fehlerquelle liegt seiner Meinung nach darin, dass das Design des Interfaces zu spät in der Entwicklung von Produkten berücksichtigt wird. Die Programmierer haben die interne Programmstruktur oft schon so maschinenfreundich gestaltet, dass es nicht mehr möglich sein kann, ein menschenfreundliches Design darüberzulegen. Davon abgesehen können sich oft Fehler einschleichen, die vor allem in drei Bereichen auftauchen: Die Aufmerksamkeit des Benutzers wird falsch angespochen, das System ist nicht eindeutig zu bedienen und die Navigation ist zu umständlich.

Bei der Gestaltung des genannten Fahrkartenautomaten ist das „Zentrum der Aufmerksamkeit“ nicht genügend beachtet worden. Eine der Einschränkungen des menschlichen Geistes ist, dass er sich nur auf eine Sache zur gleichen Zeit konzentrieren kann. Je mehr Aufgaben man zur selben Zeit erledigen muss, desto schneller muss man zwischen ihnen in Gedanken umschalten. Aktiviert wird unser Zentrum der Aufmerksamkeit durch Veränderungen. Eine solche Veränderung kann ein aufgehendes Fenster auf dem Computerbildschirm sein. Aber gerade Warnhinweise, die auf diese Weise eingesetzt werden, so Raskin, würden ihre beabsichtigte Wirkung verlieren. Denn wenn eine bestimmte Warnung immer wieder auftaucht und vom Benutzer quittiert werden muss, dann gewöhnt er sich an sie und nimmt sie nicht mehr bewusst wahr. Man wirft eine Datei in den Papierkorb, wählt „Papierkorb leeren“ und drückt in der folgenden Dialogbox automatisch auf „OK“. Wenn allerdings noch eine wichtige Datei im Papierkorb war, dann fällt einem dies meistens erst eine Sekunde später ein.

Das führt schon zum zweiten Punkt, der beim Interfacedesign nicht immer genügend beachtet wird: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je öfter eine Tätigkeit ausgeführt wird, desto besser kann er die dazu nötigen Handgriffe ausführen. Ein menschenfreundliches Interface sollte deshalb möglichst monoton sein. Ein monotones Interface, so Raskin, hat die Eigenschaft, dass dieselbe Aktion immer dasselbe Ergebnis hat, und dass ein Ergebnis immer nur auf eine Art und Weise herbeigeführt werden kann. Als besonders unmonoton geißelt Raskin den Umgang mit Cursor und Markierung in den gängigen Textverarbeitungen. Beispielsweise kann ein Textblock auf verschiedene Arten markiert werden. Entweder streicht man mit gedrückter Maustaste mit der Maus über einen Textabschnitt, oder man markiert mit Hilfe der Pfeil- und der gedrückten Shift-Taste. Ein anderes Beispiel, das Raskin heranzieht, sind digitale Autoradios.

Im Kapitel „Navigation“ betrachtet Raskin die eher ideologische Seite der Benutzerführung. Das beliebte Attribut intuitiv weist Raskin ins Reich des Wunschdenkens. Intuitive Computeroberflächen an sich gibt es nicht. Raskin hatte Anfang der 80er Jahre, als die Maus als Eingabegerät am Computer noch weitestgehend unbekannt war, Testpersonen ohne Erklärung einen Computer mit Maus gegeben und festgestellt, dass die Probanden zwar eine große Phantasie dafür aufbrachten, wie man damit umgehen könnte, dass aber keiner von ihnen die Maus so benutzte, wie es sich die Entwickler eigentlich gedacht hatten. Deswegen betrachtet Raskin intuitive Benutzerführung als sehr nebensächlich. Ziel sollte es vielmehr sein, dass der Benutzer nach einer Einarbeitungsphase ein Programm bedienen kann, dass er deswegen nicht mehr darüber nachdenkt, sondern über das eigentlich Wichtige: seine Arbeit.

Aber Raskin kritisiert nicht nur, sondern er stellt auch Interfaceprinzipien für den Computer, wie er ihn gerne sähe, dar. Seine Ausführungen basieren auf dem „Canon Cat“ – ein Computer, dessen Benutzeroberfläche Raskin 1987 entworfen hatte, die in ihren Grundprinzipien aber auf das ursprüngliche Mac-Design von Raskin verweist. 1980 gab es bei Apple zwei Entwicklergruppen, die den Nachfolgerechner zum damals erfolgreichen „Apple II“ entwerfen sollten; die eine Gruppe um Raskin arbeitete am Macintosh, die andere an einem System mit graphischer Oberfläche und Maus, der „LISA“. Apple-Mitbegründer Steve Jobbs favorisierte die „LISA“, obwohl sie im Gegensatz zu Raskins „Macintosh“ technisch unausgereift war und setzte durch, dass die Hardware des „Macintosh“-Projekts mit der Software des „LISA“-Projekts kombiniert und als „Macintosh“ auf den Markt gebracht wurde. Raskins Ärger darüber ist in „Das intelligente Interface“ noch aus mancher Spitze gegen Apple und den Mac herauszulesen.

Die Benutzeroberfläche, die Raskin in „Das intelligente Interface“ entwirft, verzichtet auf die gewohnte Trennung von Betriebssystem und Programmen. Selbst unterschiedliche Arten von Anwendungen, wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, sollten zusammengelegt werden. Statt riesiger Programmpakete, die eine verwirrend große Anzahl von Funktionen bieten, sollten Software-Anbieter für Raskins Rechner einzelne Funktionen anbieten, von denen sich der Benutzer nur diejenigen aussucht, die er auch benötigt. Ein Mathematiker wird beispielsweise seinem Computer die Funktion für Formelsatz aufspielen, die ein Journalist weniger brauchen wird. Mit dieser Zusammenführung unterschiedlicher Programmsorten geht auch einher, dass verschiedene Arten von Eingaben an jeder Stelle im Programm gleich behandelt werden. Eine Rechenaufgabe soll man überall eingeben können und auch das Ergebnis erhalten, wenn man spezielle Kommando-Tasten drückt, die Raskin LEAP (engl.: Sprung) nennt.

LEAP hatte er schon für den „Canon Cat“ entwickelt. Damit sollten zum einen spezielle Befehle ausgelöst werden können, ähnlich wie unter Windows mit der bekannten „Strg“-Taste und der „Blumenkohl“-Taste auf dem Mac. Außerdem dienten die beiden LEAP-Tasten dazu, durch die Dokumente navigieren (oder vielmehr: springen) zu können. Raskin sah nämlich vor, dass das bekannte System mit Dateien durch eine Art Globales Dokument ersetzt werden sollte. Zum einen ist man beim Abspeichern immer auf der Suche nach einem passenden Dateinamen, was den Arbeitsfluss stört, außerdem kommt es immer wieder vor, dass man eine Datei auf einer zu verschachtelten Festplatte nicht mehr findet. Dieses Globaldokument wird durch spezielle Zeichen für Dokumentanfang und -ende unterteilt wird. Sucht man ein bestimmtes Dokument, dann gibt man bei gedrückter LEAP-Taste den Suchbegriff ein und kann mit der zweiten LEAP-Taste zur nächsten (oder auch zur vorhergehenden) Fundstelle springen. Der Fokus beim Suchen liegt dabei ganz auf dem Inhalt und nicht auf einer äußeren Konvention wie Dateinamen, die das Betriebssystem vorgibt.

Der Leser von Raskins Buch, der an die heute üblichen Betriebssysteme gewohnt ist, wird sich beim Lesen von „Das intelligente Interface“ das eine oder andere Mal fragen, ob Raskins Konzept funktionieren kann, da es sich sehr vom Gewohnten unterscheidet. Andererseits macht es auch neugierig. Allerdings muss man gerade heute die Marktchancen eines solchen Gerätes skeptisch beurteilen. Ohne die marktbeherrschende Stellung von Windows bejammern zu wollen, haben sich seit den Zeiten des „Canon Cats“ die Anwendungsgebiete für den Computer doch entscheidend verändert. Der Computer ist nicht mehr nur ein Arbeitsgerät, sondern der Unterhaltungsaspekt wird immer beherrschender. Vor allem vor dem Hintergrund von Internet-Tauschbörsen für Musik und Videos, die meistens doch auf dem Computer wiedergegeben werden. So beschleicht einen beim Lesen manchmal der Eindruck, dass – um es mit Gerhard Schröder zu sagen – hier jemand von vorgestern mit den Konzepten von gestern die Probleme von heute angehen will. Raskins Lösungsvorschlag soll damit keineswegs als schlecht diskreditiert werden, aber er ist ganz deutlich ein Kind der 80er Jahre, das so nicht so recht ins neue Jahrtausend passen will.

Trotzdem ist die Lektüre von „Das intelligente Interface“ äußerst anregend. Das Buch schärft den Blick für die Gestaltung von Interfaces. Das gilt nicht nur für angehende Programmdesigner, sondern auch für die Computerbenutzer. So liegt der Wert des Buches weniger in der Praxis, sondern in den Prinzipien, die es vertritt. An mehreren amerikanischen Hochschulen ist „Das intelligente Interface“ schon zur Pflichtlektüre geworden. Wer weiß: Wenn die nächste Gestaltergeneration in die IT-Firmen kommt, dann wird es vielleicht einmal besser bedienbare Computer geben.

 

Jef Raskin: Das intelligente Interface. Sachbuch.
München: Addison Wesley 2001.
267 Seiten, 29,95 €
ISBN 3-8273-1796-7

 

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