Volksverbildend

Zu Eduard Gugenbergers »Hitlers Visionäre«

Verständnis für die Demokratie bei den deutschen Machteliten, konzeptionelle Schwachstellen der Weimarer Verfassung und die Wirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre – damit wird im Allgemeinen erklärt, wie der Nationalsozialismus derart umfassend in Deutschland die Macht ergreifen konnte. Die mystischen Quellen, auf denen die Nazipropaganda basierte, sind von der Forschung lange Zeit wenig beachtet worden. Das Standardwerk dazu ist immer noch die Studie »Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus« von dem britischen Historikers Nicholas Goodrick-Clarke von 1985, der damit den Grundstein legte für eine neue Richtung der Forschung zum Dritten Reich. In dessen Nachfolge will sich auch der Wiener Geschichtswissenschaftler Eduard Gugenberger mit »Hitlers Visionäre. Die okkulten Wegbereiter des Dritten Reichs« positionieren. Zehn Biographien hat Gugenberger in seinem Buch dargelegt.

Die vorgestellten Personen haben alle einen sehr bunten und oftmals abenteuerlichen Lebenslauf: Dietrich Eckart, einer der Väter der NSDAP und auch Hitlers politischer Förderer, war, bevor er in okkulte und antisemitische Kreise geriet, ein erfolgloser Stückeschreiber und nur mäßig erfolgreicher Journalist, der im Berlin der Jahrhundertwende den Hungertod immer nur knapp abwenden konnte. Von seiner eigenen Berufung zum Dichter überzeugt, lastete er das Unverständnis des Publikums einer angeblichen bolschewistisch-jüdischen Verschwörung an. Ab 1920 war er in der frisch gegründeten NSDAP als wortgewaltiger Agitator tätig und formte bis zu seinem Tod drei Jahre später das Weltbild des Führers in spe. Oder Rudolf von Sebottendorf, der Mitgründer der Thule-Gesellschaft, einem Sammelbecken späterer Nazis. Er selbst besaß einen türkischen Pass und war, nachdem er 1933 in Schutzhaft genommen worden war, in der Türkei unter- und unmittelbar nach der deutschen Kapitulation als Wasserleiche im Bosporus wieder aufgetaucht. Die Todesursache ist bis heute unbekannt.

Die interessanteste Biographie in Gugenbergers Buch ist die von Hermann »Herschel« Steinschneider, das Kind aus dem »romantischen Fehltritt« [sic!] eines jüdischen Schauspielers mit der Tochter eines reichen jüdischen Pelzhändlers. Nachdem er seine Schule angezündet hatte, lernte der 14-Jährige von einer alternden Soubrette alle Tricks der Wiener Halbwelt, schlug sich als Coupletsänger und Klatschreporter durch, bevor er in zwei Büchlein die Tricks von seinerzeit beliebten Zaubervorführungen, Telepathie und anderen okkulten Praktiken offen legte. Da beide Bücher statt bei den Käufern bei den Händlern verstaubten, sattelte der österreichische Jude um: Seine Kameraden und Vorgesetzten in der österreichischen Armee während des Ersten Weltkrieges verblüffte Steinschneider mit prophetischen Vorhersagen und suchte Wasseradern. Nachdem er als offizieller militärischer Wünschelrutengänger(!) die österreichische Armee verlassen hatte, startete er eine Karriere als Salonzauberer unter dem Pseudonym Erik Jan Hanussen. Frauen lagen ihm zu Füßen, konkurrierende Magier und Varietékünstler bezichtigten ihn des Betrugs, was Hanussen gerne mit gleicher Münze zurückzahlte. Zwischendurch klärte er mehrere Kriminalfälle mittels angeblich übersinnlicher Mittel auf und spielte die Hauptrolle in mehreren Unterhaltungsfilmen, in denen er dieses auf der Leinwand darstellte. Die übersinnlichen Kräfte waren jedoch Spürsinn, ein weitverzweigtes Informantennetz und vor allem logische Kombinationsgabe, weswegen Eduard Gugenberger mutmaßt, dass Steinschneider/Hanussen ein sehr guter Detektiv hätte werden können. Aber er verfolgte seine Zaubererkarriere unbeirrt weiter. Seit 1930 biederte er sich dem aufkommenden Nationalsozialismus an, indem er in seinem Hausorgan, der »Hanussen-Zeitung«, Jubelartikel auf Hitler veröffentlichte. Dank seiner Kontakte zur NS-Elite wähnte er sich trotz seiner jüdischen Wurzeln in Sicherheit. Eine Vorhersage, die sich nicht bewahrheiten sollte. Noch im Frühjahr 1933 wurde ein SA-Mann mit der Erschießung von Herschel Steinschneider alias Erik Jan Hanussen beauftragt. Eine Gerichtsverhandlung hat es nie gegeben.

Spätestens wenn man dieses Kapitel von Gugenbergers Buch erreicht hat, keimt die Frage auf, wie die einzelnen Personen zusammenhängen und was beispielsweise ein durchtriebener, von den Nazis ermordeter Varietézauberer mit den okkulten Wurzeln des Dritten Reichs zu tun hat. In diesem Fall argumentiert Gugenberger in Anlehnung an den Steinschneider/Hanussen-Biographen Bruno Frei: »Hanussen tat im Grunde nichts anderes als Hitler. Auch er versuchte vermittels seines ‚Handwerkszeugs aus Magie und Hellsehen‘ die Massen dazu zu bringen, ihn als ‚Wundermann‘ zu verehren.« Eine derart konstruierte Verbindung zwischen beiden verlangt freilich nach Erläuterung, aber da die beiden zitierten Sätze aus dem Hanussen-Kapitel die einzigen zu diesem Themenkomplex sind, bleibt dies weitgehend Behauptung.

Die biographische Ausrichtung von Gugenbergers Buch verbessert natürlich die Chancen im verknoppten Bereich des Sachbuchmarktes. Kapitelüberschriften wie »Dietrich Eckart, der Ziehvater Hitlers«, »Karl Maria Wiligut, die graue Eminenz des Nazi-Okkultismus«, vor allem aber »Erik Jan Hanussen, der ‚Hellseher des Teufels‘« zeigen deutlich den Einfluss von Guido Knopps beim Publikum erfolgreichen und Historikern umstrittenen ZDF-Dokumentationen à la »Hitler, eine Bilanz«, »Hitlers Helfer«, »Hitlers Palladine« und demnächst wahrscheinlich auch »Hitlers Hunde«. Als 1995 Knopps erste Nazi-Dokumentarreihe gesendet wurde, forderte er darin pathetisch: »Keine Angst vor Hitler!« Volksbildend ist sein Ansatz, und Gugenberger steht ihm in dieser Beziehung in nichts nach. Besonders in den kommentierenden Rattenschwänzen, in denen Gugenberger das Erbe der dargestellten Okkultisten verfolgt und immer wieder die New Age-Bewegung (hier nur als Beispiel herausgegriffen) dafür geißelt, dass sie ariosophische Ideen Alfred Schulers oder Mathilde Ludendorffs rechtslastige »Gotterkenntnis« allzu unkritisch übernimmt.

Dies alles geschieht aus der ideologisch (nur vermeintlich) sicheren Position des auf- (oder eher ab-)geklärten Historikers, der mit seinen Biographien die wirklich gefährlichen Klippen umschifft, indem er die behandelten Personen zu Außenseitern stilisiert, die außerhalb ihres okkulten Wirkungskreises keine große Beachtung gefunden hätten und heute im Mülleimer der Geschichte gelandet seien. Doch die damalige Begeisterung der Massen und Intellektuellen für Okkultes, Mystisches und Mythen deutet der Autor allenfalls an, thematisiert sie aber nicht. Die spannendste Stelle befindet sich im Kapitel über Alfred Schuler, der in Deutschland für die Ausbreitung und Formulierung der Ariosophie (wörtlich übersetzt: Arierweisheit) maßgeblich verantwortlich war. Gugenberger schildert darin, wie Schuler in den Kreis um Stefan George geraten war und sich beide gegenseitig stark beeindruckt hatten. George hat erst vor kurzem von Marcel Reich-Ranicki im »Spiegel« den kanonischen Ritterschlag erhalten. Den Zusammenhang von Esoterik und heute angesehenen bzw. rehabilitierten Personen beleuchtet Eduard Gugenberger nicht.

Insofern ist »Hitlers Visionäre« ein publizistischer Schnellschuss zu einem eigentlich aufregenden und wichtigen Thema. Letztlich stört nicht nur, dass Gugenberger selten objektiv ist, sondern vor allem der flapsige Stil des Buches und die vereinfachte Sicht der Dinge, die alles Irrationale abkanzelt. In Anlehnung an die Romantiker könnte man hier von Philistertum sprechen – aber das wäre dieselbe Schwarzweißmalerei.

 

Eduard Gugenberger: Hitlers Visionäre. Die okkulten Wegbereiter des Dritten Reichs.
Ueberreuter Verlag, Wien 2001.
208 Seiten, 39,80 DM
ISBN 3-8000-3793-9

 

0
0
0
s2sdefault

Suche

Free Joomla! template by L.THEME