Alea iacta est

Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat

Die Sache mit dem Poesie-Automaten ist eine alte Geschichte. Und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen legt Hans Magnus Enzensberger selbst literarische Vorläufer dar und verfolgt deren Spuren bis ins 13. Jahrhundert zurück. Zum anderen konzipierte Enzensberger seinen Poesie-Automaten 1974: „Die politische Bewegung hatte sich in Katzenjammer, Sektiererei und Gewaltphantasien aufgelöst, und meine langfristigen literarischen Projekte kamen nicht recht voran“. Warum hat der Suhrkamp-Verlag, nachdem das Manuskript mehr als 25 Jahre in einer Enzensberger’schen Schublade gelegen hat, nun einen orangen Band der Reihe „edition suhrkamp“ daraus gemacht?

Die Antwort dazu liegt in Bayern, genauer in der Kleinstadt Landsberg am Lech. Im letzten Jahr feierte der Ort das 500-jährige Bestehen mit dem Festival „Lyrik am Lech“. Enzensberger, der seinen Poesie-Automaten zuvor schon gelegentlich erwähnt hatte, wurde von einem enthusiastischen Einwohner des Städtchens kontaktiert und das Projekt in der ursprünglich geplanten Form, einer von Flughäfen und Bahnhöfen bekannten Anzeigetafel, gebaut. Den theoretischen Grundlagentext des Automaten ebenfalls zum Festival zu veröffentlichen, lag nahe.

Die Software, oder „Weichware“, wie Enzensberger das entsprechende Kapitel tituliert, basiert auf aleatorischen Prinzipien und der mathematischen Methode der Permutation. Einfach gesagt: Das Programm verfügt über ein Lexikon unterschiedlicher Vokabeln, die nach einem bestimmten Muster, das die Anzahl der Verse sowie die der semantischen Elemente eines Verses festlegt, immer wieder neu kombiniert werden. Welche Vokabel an welcher Stelle der poetischen Matrize eingefügt werden soll, wird durch den Wurf eines (virtuellen) Würfels bestimmt. Was in dieser knappen Zusammenfassung etwas verwirrend klingt, stellt Hans Magnus Enzensberger verständlich, wenn auch ebenfalls ziemlich knapp dar. Aber die poetische Aufgabe liegt nicht darin, streng nach Programmlogik grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden: „Für ein Gedicht-Programm reichen die kombinatorischen, syntaktischen und semantischen Regeln nicht aus. Sie müssen durch eine poetische Sekundärstruktur moduliert werden.“ Eine poetische Sekundärstruktur? Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie trocken Reflexionen über Literatur klingen können. Ob Enzensbergers Struktursuche für den Automaten in Landsberg erfolgreich war, ist zumindest für den Leser des Suhrkamp-Bändchens relativ schwer zu beurteilen: Der theoretische Teil ist noch recht skizzenhaft – von Stilistischem abgesehen hat Enzensberger nichts am Text geändert –, und nur zwei Gedichte dokumentieren das Ergebnis. Da Enzensbergers Text binnen einer Stunde gelesen werden kann, wären zwei oder drei weitere Gedichtbeispiele wünschenswert gewesen, um sich ein besseres Bild von der poetischen Qualität des Poesie-Automaten zu machen.

Die Frage, ob Automaten denken oder Literatur verfassen können, haben sich nicht nur Science Fiction-Autoren gestellt. Enzensberger stellt seinen Automaten in die Tradtion von Ramón Llull, der die Welt aufgebaut sah als unterschiedliche Kombinationen der neun principia absoluta und ebenso vieler principia relativa, sowie dessen Nachfolgern in ästhetischer Kombinatorik: Novalis, Mallarmé und hauptsächlich Raymond Queneau. In dessen „Cent mille milliards de poèmes“ können verschiedene, grammatisch invariante Sonettverse, die auf jeweils einer Seite alleine abgedruckt sind, durch entsprechendes Umblättern immer neue Gedichtvariationen erstellen. „Damit ist der Autor an die äußerste Grenze dessen vorgestoßen, was die Buchform leisten kann“, so Enzensberger. Er verfeinerte Queneaus Sonettmaschine, indem auch die Gedichtzeilen durch Kombinationen aus dem Lexikon des Programms generiert werden. Dadurch kommt eine weitere Ebene der Kombinatorik ins Spiel, die in der Buchform nicht mehr möglich ist.

Allerdings hat sich seit 1974 in der elektronisch hergestellten Literatur einiges getan, das Enzensberger völlig außer acht lässt. Gedichtgeneratoren wie Poetron gibt es zuhauf im WWW, die in ihrer Programmlogik mit Enzensbergers Poesie-Automaten vergleichbar sein dürften, die allenfalls wegen der Worte im Programmlexikon als weniger anspruchsvoll gelten. Das fortgeschrittenste Projekt elektronisch generierter Literatur lässt aleatorische und kombinatorische Spielereien hinter sich. Der Künstliche-Intelligenz-Forscher Selmer Bringsjord hat ein Programm geschrieben, das selbständig Kurzgeschichten ausarbeiten kann. „Brutus“, so der Name von Bringsjords Schöpfung, verfasst kurze Texte zum Thema Verrat, es erstellt also semantisch sinnvolle Geschichten und keine Zufallstexte. Gegen solche avancierten Projekte wirkt Enzensbergers Poesie-Automat wie eine Spielerei – andererseits aber wird er auch nicht müde, den spielerischen Charakter seines Projekts zu betonen.

 

Hans Magnus Enzensberger: Einladung zu einem Poesie-Automaten. Essay.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
74 Seiten, 14,90 DM.
ISBN 3-51812156-1

 

0
0
0
s2sdefault

Suche

Free Joomla! template by L.THEME