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Nicht nur Manhattan fliegt auf diesen Roman

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Zu Michael Wallners Roman »Manhattan fliegt«. Eigentlich soll man eine Rezension nicht mit einer Binsenweisheit beginnen, aber manchmal kommt man darum doch nicht herum: Es gibt kein Amerika, aber es gibt ein Amerika der Regionen. Die Westküste wird beherrscht von Sonne, Sand und Softwareindustrie und gilt eher als pragmatisch. Das dunkle, unheimliche Amerika findet man an der Ostküste – Edgar Allan Poe lebte und schrieb in Baltimore, Stephen King treibt sich bei den Hinterwäldlern in Maine herum und die Ghostbusters gingen in New York auf Geisterjagd. Wo Michael Wallners Debütroman Manhattan fliegt spielt, kann man schon im Titel erkennen, und dass sich dort eine romantische Gegenwelt auftut, überrascht eigentlich nicht mehr.

Cover Manhattan fliegtWallner erzählt von Leopold, einem jungen Deutschen, der 1991 in New York einen Schauspielkurs am berühmten Actor’s Studio belegt. Gleich auf der ersten Seite wird er Zeuge, wie ein Taxifahrer einen zu klein geratenen Feuerländer, der an Hautausschlag leidet und Stromstöße verteilen kann, anfährt. Leopold hilft Gryhsl, so der Name des Zwergs, auf und wird dadurch in eine Geschichte voller Zauberei und Poesie hineingezogen. Gryhsl will zusammen mit der schönen, aber ominösen Sabina einen Spielfilm drehen, um auf die Bedrohung der Delphine aufmerksam zu machen. Hauptdarstellerin soll eine junge, etwas verwirrte Schwedin namens Undine Nielson sein. Doch da sieht Leopold in einem abbruchreifen Kino Die Rache Markittas, einen Stummfilm von 1921 – und dieselbe Undine Nielson spielt darin die Hauptrolle. In den Jahren dazwischen scheint sie keinen Tag älter geworden zu sein.

Das ist eine von drei Zeitebenen des Romans. Sie spielt 1991. Die (zeitlich) erste spielt – erraten wann? – 1921. Darin werden Undines Erlebnisse nach ihrer Ankunft in New York, ihre Beziehung mit dem ebenfalls zu kurz geratenen und jähzornigen Stummfilmregisseur Sigmund Glawatsch und die Entstehung des gerade genannten Streifens geschildert. Die dritte Zeitebene liegt im Jahr 1953 und berichtet von dem Magier Pius Yurgrave, der ins Irrenhaus kommt, daraus befreit wird und danach mit zwei Getreuen versucht, einen magischen Edelstein zu rauben, der ihm 1921 entwendet worden ist.

Verschlungen sind die einzelnen Beziehungen in Wallners Erstling, aber der Autor ist ein überraschend versierter Erzähler. In Manhattan fliegt taucht eine recht große Anzahl von Figuren auf, die sich zwar um die Hauptfiguren Leopold, Undine und Pius gruppieren, die aber allesamt mehr sind als Nebenfiguren, die der Geschichte die richtige Würze geben sollen. Wallner breitet dieses Beziehungsgeflecht nach und nach vor dem Leser aus und nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein New York, in dem es von Personen wimmelt, die nur auf den ersten Blick ganz normal wirken. Schon eine Seite später kann sich eine Szene unmerklich zu einem Panoptikum des Absurden und Skurrilen entwickelt haben. So sind Leopold und Gryhsl bei dem betuchten Ehepaar Spoliansky aus der Vorstadt zu Gast, das in den geplanten Film investieren würde. Während Leopold und Gryhsl für ihr Projekt werben und mit süßem Gebäck verköstigt werden, baut sich zwischen den Gastgebern ein Ehestreit auf, der mit der Zeit immer absurder wird und in Mord und Totschlag endet. Das ist so gesehen natürlich nichts revolutionär Neues, schließlich hat beispielsweise schon Tucholsky ein Ehepaar, das einen Witz erzählen will, in Scheidungsdrohungen auseinandergehen lassen. Aber wie Wallner solche Szenen erzählt ist dermaßen witzig und pointiert, dass man sich fragt: Wieso hat der Mann nicht schon längst Romane veröffentlicht?

Am Ende stellt man sich dann vor, wie Wallner zusammen mit E.T.A. Hoffmann und Woody Allen durch Manhattans Jazzkneipen gezogen ist, und wie sie sich zusammen diesen Roman ausgedacht haben ... und selbst wenn es wirklich so wäre, dann ist Manhattan fliegt wirklich nicht von schlechten Eltern.

Michael Wallner: Manhattan fliegt.
Leipzig: Reclam 2000
320 Seiten
16,90 Mark.