Der Mensch als Auslaufmodell

Zu Philip K. Dicks Kurzgeschichtenanthologie »Das Vater-Ding«

Im Lande Goethes und Schillers hat die Science Fiction einen schweren Stand. Reißerische Geschichten über wildgewordene Roboter und eskapistische Space Operas haben dem Genre keinen gegeben Leumund gegeben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass SciFi-Autoren wie William Gibson, J.G. Ballard und Philip K. Dick zwar im angelsächsischen Sprachraum gerade auch von Intellektuellen geschätzt werden, während in Deutschland diese Namen lange Zeit nur Eingeweihten bekannt waren. Der Zürcher Haffmanns-Verlag gibt nach und nach Philip K. Dicks Œuvre als Werkausgabe in sorgfältiger Übersetzung heraus. Mit dem Band »Das Vater-Ding« sind nun alle Kurzgeschichten des Autors erschienen.

 Dick ist unter den Science Fiction-Autoren eine Ausnahmeerscheinung. »Reclams Science Fiction Führer« weist ihn als »unbestritten einer der größten SF-Romanciers« aus, und der Führer der englischen Buchhandelskette »Waterstone’s« bescheinigt ihm, er habe einige der komplexesten und anregendsten Romane und Kurzgeschichten des Genres verfasst. Dick gilt als der Spezialist für doppelbödige Parallelwelten, in denen sich Leser und Figuren nie sicher sein können, wie real das Dargestellte ist. Das gilt besonders für seine späteren Romane, wie »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« (verfilmt unter dem Titel »Blade Runner«) oder »Die drei Stigmata des Palmer Eldritch«. Gerade letzterer schwankt zwischen halluzinierenden Drogentrips und metaphysischen Erkenntnissen.

Wer den späten Philip K. Dick kennt, wird an der Anthologie »Das Vater-Ding« seine besondere Freude haben. Denn in diesem Band kann man anhand von Kurzgeschichten aus den Jahren 1953 und 1954 den Werdegang des frühen Philip K. Dick verfolgen. Man stellt zwei Dinge fest. Zum einen hat sich Dick in den 50-er Jahren noch überraschend am damaligen Standard orientiert. Amerika war zu der Zeit noch nicht vom Rock n’ Roll erschüttert worden, es war das einzige westliche Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in einer wirtschaftlichen Krise steckte und nicht in erster Linie mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Vielmehr waren die Vereinigten Staaten der Eisenhower-Ära aus dem Krieg gestärkt hervorgegangen, die Wirtschaft brummte (wie man so schön sagt) und es herrschte ein Vertrauen in die Zukunft, das man heute als naiv belächeln kann. Neben diesen positiven Symptomen machte sich auch die Angst breit, dass die Kommunisten den allgemeinen Wohlstand des Mittelstandes bedrohen würden. Das Land war von Misstrauen gegenüber Fremdem durchzogen. Einen Ausdruck fand diese Xenophobie in Geschichten von außerirdischen Invasionen, die von wackeren Patrioten letztendlich doch zurückgeschlagen werden konnten. Der Ausruf »Watch the skies!«, mit dem am Ende des Film »Das Ding aus einer anderen Welt« vor der Rückkehr der eben noch geschlagenen Extraterrestrischen gewarnt wurde, war jenseits der Fiktion natürlich ein Hinweis auf die Bedrohung durch die Sowjetunion. Dieser um sich greifenden Hysterie hatte sich der 25-jährige Philip K. Dick natürlich nicht entziehen können, und so finden sich in den Texten in »Das Vater-Ding« auch die typischen Geschichten von revoltierenden Robotern und Außerirdischen, die in die Körper von Menschen schlüpfen.

Aber andererseits sieht man, dass die metaphysischen Themen und Motive schon in den frühen Kurzgeschichten dieses Bandes immer wieder auftauchen. Dick schildert keine perfekte Zukunft. Im Gegenteil: Oft ist die Welt nach einem Krieg zerstört, und den Überlebenden mangelt es nicht nur an Brot sondern auch an Tränen, um ersteres zu essen. Was über die Zeit vor der Zerstörung bekannt ist, sind manipulierte Informationen.

Neben manchen Trivialitäten finden sich in der Anthologie zwei Perlen. Die eine trägt den Titel »Ausstellungsstück«. Hauptfigur ist George Miller, ein Historiker im 22. Jahrhundert, dessen Spezialgebiet die Zeit ist, in der Dick gelebt hat, und der ein 50-er Jahre Vorstadthäuschen als holographisches Ausstellungsstück für ein Museum konzipiert hat. Als er ein verdächtiges Geräusch aus seinem Werk dringen hört, steigt er über die Abgrenzung und findet in dem Hologramm eine komplette Welt vor; das Amerika des Mittelstandes, worin er eintaucht. Hat er nun einen Übergang in die Vergangenheit gefunden oder hat er sich in seinem eigenen Ausstellungsstück verloren. Letztendlich bleibt alles eine Frage der Semantik, und die lässt Dick bewusst offen.

Die andere Perle, »Der goldene Mann«, spielt in nicht allzu ferner Zukunft. Auf der ganzen Welt werden mutierte Menschen geboren, die über verschiedene außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen, durch die sie den normalen Menschen überlegen sind. Misstrauen, wie oben für die reale Welt beschrieben, greift um sich, und eine faschistoide Regierungsbehörde euthanasiert alle Mutanten, derer sie habhaft werden kann. Selbst mit Gedankenlesern ist man fertig geworden, aber ein junger Mann mit goldener Haut hat sich 18 Jahre vor der Behörde verstecken können. Als er gefasst wird, müssen die selbsternannten Beschützer des Volkes feststellen, dass ihre bisherigen Methoden fehlschlagen. Der goldene Mann kennt nämlich keine Vergangenheit, kann dafür aber die Zukunft wahrnehmen. Für einen kurzen Moment lässt Dick den Leser die Welt mit den Augen dieses Mutanten wahrnehmen. Er sieht ein Geflecht von Möglichkeiten, wie die Zukunft aussehen könnte, in Form von einzelnen Tableaus, die miteinander verwoben sind. Je deutlicher eine Szene ist, desto näher und wahrscheinlicher ist sie. Alles was geschehen ist, verliert sich im Dunkel. Leben, wie wir es kennen, ist so nicht möglich, denn ohne Vergangenheit, so Dicks These, gibt es auch keine Persönlichkeit.

In solchen Szenen erscheint der Mensch als Auslaufmodell der Natur. Und seinen ganzen intellektuellen Überbau verlädt Dick gleichfalls auf den Schuttabladeplatz. »Die Wirklichkeit ist das, was übrigbleibt, wenn man aufgehört hat, daran zu glauben«, war das Fazit, das Dick bis zu seinem Tod 1982 gezogen hat. Wenn man den Satz isoliert liest, könnte man ihn für postmoderne Kraftmeierei halten. Sieht man ihn aber vor dem Hintergrund von Dicks Texten, glimmt doch der Verdacht auf, dass darin etwas Wahres stecken könnte. Und dann kommt einem nicht nur diese Erkenntnis fragil vor.

 

Philip K. Dick: Das Vater-Ding. Kurzgeschichten-Anthologie.
Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel.
Zürich, Haffmanns 2000.
304 Seiten, 36 DM.
ISBN 3-251-20304-5

 

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