»Ein krankes Experiment in Sozialdarwinismus auf Fast Forward«

Zum 40jährigen Jubiläum seines Science Fiction Programms hat der Wilhelm Heyne Verlag einige der wichtigsten Meilensteine des SF-Genres neu aufgelegt, unter anderem auch Gibsons »Neuromancer«, zusammen in einem Band mit »Biochips« und »Mona Lisa Overdrive«, Gibsons Cyberspace-Trilogie.

Und damit ist auch schon das Wort gefallen, das heute in der Diskussion über die Neuen Medien geradezu inflationär gebraucht wird. Cyberspace tauchte zum ersten mal in William Gibsons Texten (genauer in seiner 1981 erschienen Kurzgeschichte »Brennendes Chrom«) auf. Modem oder ISDN-Anschlüsse sind schon lange nicht mehr nötig, um ins Netz einzutauchen. Die entsprechenden Anschlüsse tragen die Datencowboys (so nennt Gibson die vernetzten Hacker) am eigenen Körper, und über Simstim-Decks verbinden sie das eigene Nervensystem mit dem Computernetzwerk, der Matrix. Gibsons Figuren sind keine muskelprotzenden Helden, sondern die Verlierer in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist: »Night City glich einem kranken Experiment in Sozialdarwinismus, ersonnen von einem gelangweilten Forscher, der den Daumen ständig auf der FF-Taste hatte«, heisst es in »Neuromancer«.

Case, eine der Hauptfiguren in »Neuromancer«, ist ein ehemaliger Cyberspace Cowboy, der für multinationale Konzerne in fremde Datennetze eingebrochen ist und seine Auftraggeber hintergangen hat. Aus Rache haben sie ihm das Nervensystem geschädigt, so dass er zwar in der realen Welt zurechtkommen kann, aber das Eintauchen in den Cyberspace ist ihm seither verwehrt. In Japan versucht er sich in der nächtlichen Großstadt durchzuschlagen; da bekommt er die Gelegenheit, an einem großen Auftrag zu arbeiten, für den seine Hackerkenntnisse unumgänglich sind. Und seine neuen Auftraggeber haben auch die Möglichkeit, sein Nervensystem wiederherzustellen. Zusammen mit der Mietmörderin Molly macht er sich auf die Suche nach einer ominösen Finanzdynastie aus der Schweiz.

Turner, Held in »Biochips«, wird gleich auf der ersten Seite in die Luft gesprengt und durch die Medizin der Zukunft wieder zusammengeflickt. In »Mona Lisa Overdrive« erzählt Gibson die Geschichte dreier Frauen (eine ist ein virtueller Hollywoodstar), die in die Mühlen geldgieriger Multis fallen.

Mit seiner pessimistisch angehauchten Zukunftsvision hat Gibson Mitte der 80-er Jahre den rechten Ton getroffen. SF-Literatur war zu der Zeit vor allem von eskapistischen Weltraumopern geprägt, in denen die Gegenwart meist nur als grammatische Form auftauchte. William Gibsons Welt in »Neuromancer« ließ nicht nur deutliche Bezüge zur Umwelt ihres Autors erkennen, sondern auch der Begriff Realität wurde durch das Phänomen »Virtuelle Realität« im Roman doppelbödig dargestellt. Gibson heimste mit »Neuromancer« die wichtigsten Science Fiction Preise ein und fand schnell Nachahmer, die in Gefilden der Virtual Reality wilderten; Cyberpunk war plötzlich in aller Munde.

»Neuromancer«, »Biochips« und »Mona Lisa Overdrive« jedoch stechen aus der Masse ernstzunehmender Literatur und billigen Kommerzes heraus, denn eins unterscheidet Gibson von seinen Nachahmern. Blinde Technikgläubigkeit kommt in seinen Texten nicht zum Ausdruck. Technik spielt bei ihm zwar eine wichtige Rolle, aber Gibson experimentiert in seinen Büchern mit ihren Möglichkeiten und steht ihr im realen Leben durchaus kritisch gegenüber. So ist »Neuromancer« auf einer Schreibmaschine entstanden, nicht am Computer, und Gibson bekannte noch 1994 in einem Interview mit dem schwedischen Journalisten Dan Josefsson, dass er kein Modem besitze. »Neuromancer« ist ein Neuschöpfung aus »neuron«, der Nervenzelle und »romancer«, dem Romantiker. Spricht man den Neologismus aus, so hört man plötzlich noch den »new romancer«, den Neuromantiker. Tatsächlich hat auch der körperlose Cyberspace einiges mit der Märchenwelt der Romantik gemein. Beides sind Parallelwelten, in die man übertreten und dort der realen Welt entgehen kann. Die Romantiker und die Neuromantiker sind die einzigen, die dazu Zugang haben; der philiströse Bürger bleibt außen vor. Ironischerweise hatte Gibson 1984 noch gar nicht daran gedacht, dass seine Vorstellungen von der Virtuellen Realität einmal Wirklichkeit werden könnten. Der Cyberspace hatte und hat für ihn in erster Linie metaphorische Qualität. 3D-Brillen und Datenhandschuhe waren für ihn nur Werkzeuge seiner fiktiven Figuren. Und doch waren es seine Romane, die den konzeptionellen Boden für die entsprechenden Techniken legten. Manchmal kann Literatur also doch noch etwas bewirken.

Bisher stand eine Barriere zwischen Gibsons Romanen und dem deutschen Leser: die Sprache; die bisherigen Übersetzungen gehörten zu den 80 Prozent an englischen Übersetzungen, die eine Katastrophe sind. Denn dass Gibsons Romane neben ihren visionären Qualitäten zunächst einmal sehr spannend und stilistisch größtenteils brillant sind, konnte man aus der bisherigen Übersetzung noch nicht einmal erahnen. Auch wenn eine qualitative Lücke zu Gibsons Originaltexten bleibt, so ist die neue Übertragung von Reinhard Heinz und Peter Robert dennoch ein nicht unerheblicher Fortschritt.

 

William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie. Roman.
Mit einem Vorwort von Jack Womack.
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Heinz/Peter Robert.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2000.
1005 Seiten, 20 DM.
ISBN 3-453-16410-5

 

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