Szenenfoto aus Toni Erdmann

Toni Erdmann - dieser Film hat den Schalk im Nacken

Die Lebensgeschichte des Till Eulenspiegel war bei seiner Erstveröffentlichung im 16. Jahrhundert ein europäischer Bestseller. Die Geschichte des Possenreißers, der seinen Mitmenschen auf mitunter derbe Weise den Spiegel vorhält, wurde seither in den verschiedenen Medien neu und nacherzählt. Maren Ades Film »Toni Erdmann« greift diese erzählerische Tradition auf, setzt sich gleichzeitig über sie hinweg und hält dabei dem Publikum immer wieder den Spiegel vor.

Der Film erzählt die Geschichte des geschiedenen Musiklehrers Winfried Conradi und seiner Tochter Ines, die bei einer Unternehmensberatung in Bukarest arbeitet. Winfried ist ein Spaßvogel, der wie schon Till Eulenspiegel Leute hereinlegt, indem er sich verkleidet und in Rollen schlüpft, die auf dem schmalen Grat zwischen Normalität und Absurdität balancieren. Nach dem Tod seines Hundes besucht er seine Tochter spontan in Bukarest. Diese - gerade damit beschäftigt, den Beratungsvertrag mit einer Ölfirma zu verlängern - ist wenig begeistert vom väterlichen Besuch. Eigentlich hat sie keine Zeit, sich um ihren Vater zu kümmern. Aber gleichzeitig wird deutlich, wie weit Vater und Tochter persönlich, räumlich und auch hinsichtlich ihrer Lebensentwürfe voneinander entfernt sind.

Die Spannungen spitzen sich zu und nach einer ersten Krise sieht man Ines von ihrem Balkon aus Winfried beim Einstieg ins Taxi zum Flughafen zuwinken. Einige Tage später jedoch taucht während eines Abendessens mit zwei Freundinnen ein ominöser Toni Erdmann auf, der der Damenrunde eine irre Geschichte um Ion Tiriacs verstorbene Schildkröte auftischt. Es ist Winfried mit einer schlecht sitzenden Perücke und falschen Zähnen. Ines erkennt ihren Vater zwar auf den ersten Blick hin, sie geht aber auf das Spiel ein und forciert es immer wieder selbst auch. Fortan umtanzen sich beide, zwischen sich selbst und unterschiedlichen Rollen hin- und herosizillierend.

Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter lässt sich nie genau festlegen. Sie treiben beide ein Spiel miteinander, das gleichzeitig aber auch eines gegeneinander ist - gleichzeitig Konkurrenzkampf und Partnerschaft darin, andere aufs Glatteis zu führen. Mal stellt Ines Toni Erdmann bei einem Gespräch mit dem Betreiber einer Ölförderanlage im rumänischen Hinterland als erfahrenen Sanierer vor. Zurück in Bukarest platzen sie als deutscher Botschafter Erdmann mit seiner Sekretärin Frau Schnuck in eine rumänische Osterfeier.

Szenenfoto aus Toni Erdmann
"The Greatest Love of All" als Gesangseinlage auf der rumänischen Osterfeier.

Vordergründig werden beide von unterschiedlichen Motivationen angetrieben. Winfrieds Sorge wegen der Überarbeitung seiner Tochter, Ines verspricht sich, das im Laufe der Handlung immer stärker gefährdete Geschäft mit der Ölfirma, doch noch zu retten. Im Hintergrund treibt beide eine Leere in ihrem Leben an, die beide verbindet und gleichzeitig auch trennt. Ines muss sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen erkämpfen, die sie zum Einkaufen mit der Frau des Geschäftspartners schicken und eher als Charmewunderwaffe in der Verhandlung mit rumänischen Geschäftspartnern oder als Möglichkeit, die eigene Notgeilheit zu befriedigen, sehen. Winfried verliert nach und nach die Personen in seinem Leben - die Ehe ist geschieden, die Tochter in Bukarest. Zu Beginn des Films sagt sein Klavierschüler die Stunden ab, dann stirbt noch der Hund. Diese Verluste setzen sich nach der Rückkehr aus Rumänien auf der Trauerfeier seiner Mutter noch weiter.

Auf dem Höhepunkt des Films gerät der Geburtstagsbrunch, den Ines als Teambuilding nutzen will, zu einem Nacktempfang und Winfried tritt in einem bulgarischen Kukeri-Kostüm ein. Er verlässt die Feier aber gleich wieder, Ines rennt in einem Morgenmantel hinter ihm her. In einem öffentlichen Park treffen sich beide und umarmen sich innig - sie im Morgenmantel, er im Ganzkörperfellkostüm - und dann trennen sich ihre Wege wieder.

Szenenfoto aus Toni Erdmann
Vater und Tochter - finden sie wieder zueinander oder waren sie nie getrennt?

In ihrer Inszenierung greift Maren Ade das Leitmotiv der Rollenunsicherheit und des Spiels damit auf. Der Film »Toni Erdmann« wechselt zwischen Komödie und Drama, fügt Elemente von beiden zusammen zu etwas Neuem. Wie die beiden Hauptfiguren ihr Spiel der Möglichkeiten spielen, so tut dies auch der Film. Immer wieder greift er Versatzstücke unterschiedlicher Genres auf, präsentiert sie dem Zuschauer - aber nur um zu zeigen, wohin sich der Film von dieser Stelle in der Geschichte aus entwickeln könnte: Sozialkritik, Beziehungsdrama, absurde Komödie. Letztlich sind es nur Möglichkeiten, als seien diese Genrebezeichnungen die Rollen, die der Film spielt, um die Zuschauer aufs Glatteis zu führen.

Stilistisch spielt der Film mit der Ästhetik der »Dogme 95«-Filme - mit der Hand gehaltene Kamera, Verzicht auf Filmmusik und künstliche Beleuchtung und Schnitte zur Beschleunigung der Handlung. »Toni Erdmann« zeigt die unangenehmen Momente des Schweigens in Gesprächen und wirkt teilweise wie Aufnahmen eines Dokumentarfilms. Dieser Naturalismus in der Darstellung bewirkt, dass man sich als Zuschauer eher in eine beobachtende als eine mitfühlende Rolle begibt. Wer hierbei an Brechts episches Theater denkt, der liegt nicht falsch. Die Figuren in »Toni Erdmann« sind Figuren im Geiste Brechts. So wie Mutter Courage nach all den Schicksalsschlägen zu Ende des Dramas den nächsten Kriegstrommeln hinterhereilt, in der Hoffnung ihren Schnitt zu machen, so bleibt auch zwischen Winfried und Ines bis zum Ende eine Lücke bestehen, die sie nicht schließen können. Statt das Verhältnis der beiden à la Hollywood durch einen Aufruf zur Verständigung aufzulösen, bleibt die Perspektive in »Toni Erdmann« eines des Beobachtens. Dadurch kommt die Wahrhaftigkeit des Film.

Toni Erdmann (Deutschland 2016)
162 Minuten
Regie: Maren Ade
Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Ingrid Bisu
Drehbuch: Maren Ade

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